Schreibtisch-Ranger und Boof-Tickets

Kein virtuelles Durchkommen mehr Quelle: www.mapy.cz

Kein virtuelles Durchkommen mehr
Quelle: www.mapy.cz

Mir ist eine aktuelle Stellenausschreibung mit sehr brisanten Inhalt über den Weg gelaufen. Die Nationalparkverwaltung richtet eine Stelle für einen digitalen Ranger ein. Der soll dann das World wide web nach verdächtigen Inhalten durchforsten und rechtliche Schritte einleiten. „Nationalparkkonfirmität“, „Besucherlenkung in den sozialen Medien“, „Einwirken auf die Autoren“, „rechtliche Schritte“. Nun, es soll sich jeder selbst ein Bild machen. Das liest sich jedenfalls nicht wie der Versuch auf ein gutes miteinander. Hier der link:

Stellenausschreibung Referent Öffentlichkeitsarbeit

Wenn es an Akzeptanz in der Bevölkerung fehlt, muss man natürlich zu härteren Mitteln greifen. Soziale Medien und Online-Kartendienste finden sehr oft Erwähnung und stehen im Fokus dieses neuen Schreibtisch-Rangers. Ganz ehrlich: Es ist kein gutes Zeichen, wenn sich eine simple Stellenausschreibung bereits wie eine Einschränkung der freien Meinungsäußerung liest. Also nicht wundern, wenn im Sommer nach einem Kartenupdate bei OpenStreetMap oder Mapy plötzlich eine Vielzahl von Wegen fehlen. Bei Mapy.cz ist es neuerdings bereits so, dass eine Route nicht mehr auf unmarkierten Wegen in der Kernzone (Sächsische Schweiz + Böhmische Schweiz) geplant werden kann. Es navigiert an der Kernzonengrenze herum, bis ein offiziell markierter Weg gefunden wird.

Boofennacht

Boofennacht

Meiner Meinung nach gehen die meisten Leute von Haus aus sparsam mit Informationen um, was „verbotene“ Wege hinterm Kernzonenschild betrifft. Meist aus dem eigennützigen Grund, dass man dort selber keinen Massentourismus möchte. Oder die falschen Leute dahin lockt (z.B. Riffbrand Pferdegrund). Wenn die Forstverwaltung aber gedenkt, jedes Jahr alles noch stärker zu reglementieren, brauch Sie sich nicht über Reaktionen anderer verwundern, z.B. ungefiltertes herausblasen von Informationen.

Boof-Tickets

Passend zum Thema gab es am Wochenende einen Beitrag in der Sächsischen Zeitung (LINK), wonach künftig im Nationalpark das Freiübernachten (Boofen) neu „geregelt“ werden soll. Der Übernachtende soll dann Boof-Tickets kaufen (?), mit Name, Übernachtungsort und Nachweis der Haftpflichtversicherung. Das widerspricht so ziemlich 100% dem Freiheitsgedanken der meisten Naturfreunde, Kletterer und Fotografen… Denn woher soll ein Fotograf denn Wochen vorher wissen, ob sich das Wetter für eine Sonnenaufgangssession lohnt? Woher soll der Kletterer Wochen vorher wissen, ob es nicht genau an dem gebuchten Sonntag regnet und das Klettern gar nicht möglich macht? Viele entscheiden sich kurzfristig für das Freiübernachten. Außerdem war in den letzten 2 Jahren während eines beträchtlichen Zeitraums generell der Wald Nachts gesperrt. Und alle Leute, die langfristig das Freiübernachten z.B. im Zusammenhang mit dem stark beworbenen Forststeig Elbsandstein geplant hatten, waren am Arsch. Und wer es trotzdem durchgezogen hat, wurde vom Hubschrauber und der Infanterie gewaltsam aus dem Wald vertrieben.

Fun Fact am Rande: Der neue Digi-Ranger könnte direkt mal bei Hauptkommissar und Einsatzleiter der legendären Boofen-Vertreibungs-Aktion (LINK) Iven Eissner anfangen, der in seiner Freizeit scheinbar auch gern mal auf verbotenen Pfaden und Aussichten unterwegs ist (wenn er nicht gerade mit dem Hubschrauber Jagd auf Boofer macht).

http://www.eissner-dresden.de/

(u.a. Prebischtor von der bösen Seite; Schießstand Pfaffenstein) scnr

Felsüberhang mit Inschriften aus 18. Jh im Pfaffengründel

Felsüberhang mit Inschriften aus 18. Jh im Pfaffengründel

PS: In dem o.g. SZ Artikel wird erwähnt, dass es eigentlich überhaupt nie vorgesehen war, dass andere Leute außer unsere hochprivilegierten sächsischen Kletterer Boofen dürften. Es wird seit jeher suggeriert, der SBB hätte das Boofen erfunden. Also das Freiübernachten unter einem Felsüberhang. Totaler Unfug. Denn seit vielen Jahrhunderten übernachten Forstarbeiter, Pecher, Köhler, Jäger, Flößer, Landstreicher und nicht zuletzt auch Romantiker, Maler und Naturfreunde unter natürlichen Felsüberhängen in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz. Weit vor Beginn des Klettersports. Gleichermaßen sind heute viele als Kletterzugänge genutzte Bergpfade historische Wege, welche nicht aus dem Zweck des Kletterns erschlossen wurden. Und überhaupt: Das „Nichtklettern“ weniger naturverträglich ist als Klettern – dieser Beweis muss noch erbracht werden.

Ein Kommentar

  1. Nun ja, anscheinend ist Sachsen auf dem besten Weg nach China (DDR ist ja nicht mehr aktuell). Dazu meine aktuelle Leseempfehlung: Theo Sommer: China first.

    Jedenfalls ist das alles nicht mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar.

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