Rock on the Rocks

Massivfelsen über Ostrov

.. so hieß ein Festival, was bis 2010 bis 2015 jährlich im beschaulichen böhmischen Dorf Ostrov stattfand. Ersteres gibt es nicht mehr. Die gewaltige Felskulisse verdient aber trotzdem diese Schlagzeile. Nachdem die Landesgrenzen endlich wieder offen sind, habe ich den Felsen einen Besuch abgestattet. In Petrovice herrschte am Dienstag ein regelrechter Ansturm auf Tankstellen, Verkaufsbuden und Travel Free’s. In Tisa wurde es dann schon weniger, obwohl die Tissaer Wände ein beliebtes Reiseziel für Wanderfreunde beider Nationen sind. Und auf den Felsen rund um Ostrov herrschte hingegen eine Ruhe und Stille, wie ich es selbst dort noch nicht erlebt habe. Trotz Sonnenscheins war kein einziger Kletterer zu sehen. Es war ein sehr schönes Gefühl, mal wieder da sein zu dürfen… Zuerst habe ich den westlichen Teil der Felsen besucht, wo man einen schönen Blick zum Schneeberg und Richtung Bielatal hat und man sogar den 49 Km entfernten Czorneboh sehen kann. Über Kletterpfade dann hinunter nach Ostrov, vorbei am noblen 4*-Hotel und den kleinen Teichen, auf anderer Seite direkt wieder hinauf. Ein beträchtlicher Teil der sichtbaren Felsen sind Massive und ohne große Umstände erreichbar. Das macht die Ecke auch für klettertechnisch unterbelichtete Leute wie mich so interessant, die trotzdem gern auf Augenhöhe mit den Felsgipfeln sein wollen 🙂 Man fühlt sich in ein Jump’N’Run-Spiel der 90er Jahre versetzt, hüpfend von Aussicht zu Aussicht, von Felsplateu zu Felsplateu.

Kaiser-Franz-Josef-Turm (Cisar)

Von unten ist ein markanter Felsen erkennbar, welcher auf dem Gipfel die Tschechische Fahne schmückt. Plötzlich steht man dort, am Kaiser-Franz-Josef-Turm, wo man am Namen erahnen kann, wann er ungefähr Erstbestiegen und benannt wurde (1909). Interessant ist auch die Wachwand, auf der sich die Überreste eines Ziegelbaus befinden. Hatte vielleicht etwas mit der alten Polizeistation unten zu tun, Grenzpolizei? Die Perspektiven ändern sich mit jedem Schritt. Da im böhmischen Sandstein auch Massive klettertechnisch erschlossen sind, kann es passieren, dass man oben Rucksackpause macht und neben einen keuchend der Kletter erscheint, der gerade eine IXc gemeistert hat. Bisschen wie Hase und Igel. „Ich bin schon da“. An diesem Tag aber nicht – es war fast menschenleer.

Herrlich anzusehen ist vor allem auch das grüne Waldbild. Birken, Kiefern und Fichten sehen hier noch gesund aus und tragen zur Erholungsfunktion des Waldes bei. In Zeiten wo ganze Nationalparks von Buchdrucker und Borkenkäfer zerfressen werden, durchaus bemerkenswert. Die deutsche Bezeichnung für Ostrov ist Eiland. Auf alten Karten findet sich auch die Schreibweise Eyland. Bereits im 15. Jahrhundert muss es hier ein Hammerwerk gegeben haben. Es ist jedenfalls ein passender Ortsname für diese Siedlungsinsel eingebettet in Sandstein und Wald.

Der Forststeig führt übrigens auch kurz durch Ostrov. Schwer beladen hat man beim Trekking meist aber keine Zeit für ausgedehnte Erkundungen, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. In solchen Situationen lockt das Pivo in der Kneipe am Campingplatz „Pod Cisarem“ schon mehr.

Andachtstätte „Kamaradum Horolezcum“

Abschließend bin ich dann im Himmelreich gelandet. So werden die Felsen am südlichen Rand genannt, wo ein sehr alter Pflasterweg hindurchführt. Dicht gedrängt bilden viele Felsnadeln ein zusammenhängendes Kletterparadies. Abermals ergeben sich mit ein paar Abstechern und kleinen Klettereinlagen herrliche Perspektiven. Am markierten Wanderweg zweigt einmal kurz ein gut mit Holztreppen ausgebauter Weg ab zum „Kamarádům horolezcům“. 2015 wurde hier eine Andachtstätte für einige tschechische Kletterer und Bergsteiger installiert, die bei Ihrer Leidenschaft ihr Leben verloren. Darunter auch der sudetendeutsche Emanuel Strubich. Nach genussvollen 8 Kilometern war ich wieder zurück am Startpunkt: Raitza (Rajec). Wer sich Ostrov einmal genauer ansehen möchte, kann auch von der Touristenbaude (Turisticka Chata) bei den Tissaer Wänden starten. In Ostrov selbst ist es mit parken nicht so gut, denn die Parkplätze befinden sich meist in Privathand (Hotel und Campingplatz). Mit etwas Glück kann man hier auch Slacklinern zusehen, denn es ist nebenbei auch das El Dorado für diese Form des Seiltanzes.

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