Exkursion ins Sperrgebiet „Thorwald“

Kürzlich gab die Nationalparkverwaltung über ihre Website in der Rubrik „Wegeservice“ bekannt, dass de facto alle markierten Wanderwege im Thorwald gesperrt sind – aufgrund umgestürzter Bäume bzw. deren Gefahr. Der Wald zwischen Großen Zschand und Kirnitzschtal ist von der Borkenkäferkatstrophe schlimm betroffen. Dieser Bereich liegt in der Kernzone des Nationalparks und wird damit schon seit Jahren nicht mehr gepflegt. Das hat u.a. auch zur Folge, dass die Fichten dicht zusammenstehen. Viele Bäume mit kleinen bis mittleren Stammdurchmesser sind bereits umgebrochen. In 2 m Höhe knacken die einfach weg. Anderswo bleiben lange die Gerippe toter Fichten stehen. Das betrifft wohl aber  größere Exemplare (z.B. am kl. Winterberg).

Neue Sperrungen

Reitsteig Mündung Erlenschlüchte – sieht schlecht aus

Der Reitsteig ist bereits seit Herbst letzten Jahres „vorübergehend“ gesperrt. Da war vor allem der vordere Bereich Richtung Hochhübel ausschlaggebend, wo schon vor einigen Jahren der Borkenkäfer fraß. Eine Beräumung wäre sehr kostenintensiv und aufwendig, denn der Reitsteig ist eben kein Forstweg. Man müsste vom Zschand her über die Schlüchte anrücken. Im Zuge der großen Borkenkäferkatastrophe ist leider ein sehr viel größerer Teil betroffen und die Wiedereröffnung rückt in weite Ferne.

Nun hat die NPV vermeldet, dass auch der rot markierte Stimmersdorfer Weg, sowie der grün markierte Brückengrund gesperrt sind. Damit würden in diesem Gebiet alle markierten Wanderwege entfallen. Die Verbindung Hinterhermsdorf/Zschand wäre gekappt. Und auch 2 Möglichkeiten die Kirnitzsch zu queren. Ganz nebenbei sind auch viele Kletterzugänge betroffen. Genauer gesagt geht es um 27 Klettergipfel und 11,3 Kilometer markierte Wanderwege.

Totwaldblicke

Am vergangenen Wochenende habe ich mir das zusammen mit einen Wanderfreund angesehen. Los ging es bei strahlendem Sonnenschein in Hinterhermsdorf. Beim Lindigtblick überblickt man schon gut das Ausmaß der vielen toten Fichten. Selbiges Bild bei den Brüdersteinen. Seit vergangenem Jahr hat man sich durch die vielen Wanderungen ja schon etwas daran gewöhnt. Umso krasser fällt dann aber der Unterschied auf wenn man im Bildarchiv wühlt. Das schmerzt. Wie muss denn erst Forstleuten das Herz bluten? Blanker Hohn, wenn sich Mayr & Co. von der im Internet tätigen Nationalparkverwaltung hinstellen und etwas von dankenswertem Waldumbau faseln.. Da greift sich doch jeder Förster an den Kopf. Aber das nur am Rande, denn es ist nix mehr zu ändern. Jetzt geht es nur noch um den Umgang mit dem Totholz.

Brüdersteinaussicht 08/2017 und 11/2020

Beim Abstieg durch den Passgrund fallen zwar links und rechts ebenfalls die braunen Bäume auf. Aber die meisten stehen noch – und der Wanderweg ins Kirnitzschtal ist problemlos begehbar. An der niederen Schleuse können wir dann ein Eisvogelpärchen beobachten. Schon allein für so etwas hat sich die Wanderung gelohnt. Leider hatte ich nur das Weitwinkelobjektiv mit… die morgendliche Lichtstimmung an der Kirnitzsch war stark.

Sperrung Stimmersdorfer Weg? Fehlanzeige!

Ab und zu liegen Bäume quer

Dann standen wir am Abzweig Stimmersdorfer Weg. Verblüfft stellten wir fest, dass außer dem normalen Hinweisschild auf die Gefahren des Waldes nichts von einer Sperrung zu sehen war. Auf den ersten 500 m gab es gar keine Probleme mit querliegenden Bäumen. Diese alte Forststraße ist relativ breit und so schnell nicht unbegehbar. Im Verlauf musste man an manchen Stellen unter einzelnen Bäumen hindurch bzw. hinweg steigen. Neben dem Weg standen selbstverständlich sehr viele Fichten, die heute, morgen oder in einem Jahr umbrechen können. Eigentlich wollten wir dann rechts auf den Matthiasbergweg abbiegen um eine sinnvolle Tagesrunde mit Einbeziehung des Reitsteigs und Brückengrundes hinzubekommen. Dieser unmarkierte Weg war aber fast nicht mehr erkennbar, denn am Abzweig lagen viele Fichten kreuz und quer. Also ging es erst einmal auf dem rot markierten Wanderweg weiter. Wir folgten dann dem Kletterzugang in den Vorderen Pechschlüchten hinauf Richtung Thorwalder Wände. Das war teilweise schon sehr mühsam und weniger empfehlenswert. Oben zweigt dann der Pfad zur ehemaligen Fernblickboofe ab. Auch an dieser Stelle liegen Bäume quer und schneiden den Weg zu diesem sagenumwobenen Ort ab. Wir querten kurz den Gratweg und stiegen die Erlenschlüchte hinab. So konnten wir uns wenigstens noch einen Teil des Reitsteigs begehen. Schon die Einmündung der Erlenschlüchte sah nicht gut aus. Hier sind bereits sehr viele Fichten umgebrochen und liegen wie Mikado auf dem Reitsteig. Für eine Begehung des Abschnitts zwischen Hochhübelweg und Erlenschlüchte müsste man offensichtlich sehr viel Zeit mitbringen. Vielleicht ein anderes mal…

Neues vom Reitsteig

neues Sperrschild auf dem Reitsteig

Wir sind den Reitsteig in die andere Richtung gefolgt. Und das ging überraschend gut. An den Löfflerschlüchten kommt ein Kletterzugang vom Zschand herauf um die Felsen Tarzan und Krampus zu erreichen. Dieser Zugang schien begehbar und ganz gut in Schuss zu sein. Hier sind wir dann das erste Mal auf eine richtige Wegesperrung gestoßen. Flatterband und ein Neues, eigens für solche vorrübergehenden Sperrungen kreiertes dreisprachiges Warnschild machen darauf aufmerksam, dass der Wanderer nicht weitergehen soll. Oder das man einfach seiner Verkehrssicherungspflicht nachkommt.

„Aufgrund von Naturprozessen (Windbruch, Felssturz o. ä.) ist dieser Wanderweg gegenwärtig nicht begehbar. Bis zur Beseitigung der Gefahren durch die Nationalparkverwaltung ist der Weg zu Ihrer Sicherheit vorübergehend GESPERRT.“

Kurioserweise war der Weg zwischen Löfflerschlüchte und Hickelhöhle problemlos begehbar, da man sich dort viel oberhalb der toten Fichten im Schutze der nahen Felswand und im Mischwald bewegt. Am Abzweig Hickelschlüchte stand ebenfalls so ein Sperrschild auf dem Reitsteig. Vorher haben wir noch das Klingermassiv erkundet und die ein oder andere Überraschung gefunden (siehe Bilder).

Der Reitsteig war schon einmal verboten
Alte Forstkarte von 1892 (Wünsche)

Bei der Hickelhöhle kommt der rot markierte Wanderweg herauf und quert dann die Thorwalder Wände Richtung hintere Pechschlüchte/Treppengrund. Sobald man auf der anderen Seite herabstieg, sah es wirklich nicht mehr gut aus. Viele Bäume versperrten den Weg. Und auch mit guten Willen konnte man nicht mehr auf dem eigentlichen Weg laufen. Wir sind dann nach rechts in die Laubwaldzone ausgewichen, da kam man wenigstens langsam voran. Aufgrund fortgeschrittener Tageszeit konnten wir uns den Brückengrund/Königsjagdweg nicht mehr ansehen, denn wir hatten ja noch den schönen Anstieg nach Hinterhermsdorf vor uns.

Fazit: Von der Hickelhöhle bis zum Kirnitzschtal war entgegen der NPV-Meldung keine Sperrung zu erkennen. Entweder hatte man noch nicht die Zeit, eines anzubringen. Oder weitere rote Schilder müssen erst noch gedruckt werden. Eine versteckte Publizierung im Internet reicht jedenfalls nicht um Wege zu sperren. Schon seltsam, denn eigentlich sperrt man erst etwas im Gelände und publiziert danach die Sperrung.

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Sperrschild am Stimmersdorfer Weg 12.11.2020

EDIT 25.11.2020
Ich habe heute den Hinweis erhalten, dass vor 2 Wochen noch Sperrschilder u.a. auch am Abzweig Stimmersdorfer Weg hingen. Also wurden diese offenbar entwendet. Dafür kann die Nationalparkverwaltung natürlich nichts. Also wer auch immer die Schilder entfernt hat: Davon werden die Wege auch nicht besser! Und sowas kann andere Leute durchaus in gefährliche Situationen bringen, denn nicht jeder Wanderer ist fit genug um über Dutzende Bäume zu klettern. Und weitere Käferbäume brechen täglich ohne äußere Einflüsse um.
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Bekanntermaßen ist der Reitsteig seit über einem Jahr „vorübergehend“ gesperrt und entsprechend sind die Ausweisungen im Gelände. Selbst der kühnste Optimist glaubt nicht an eine baldige Beräumung. Die Tatsache, dass den gesperrten Reitsteig kreuzend ein Kletterzugang freigehalten wird um das Erreichen zweier kleinen Gipfeln zu ermöglichen lässt einmal mehr ein eigenartiges Verhältnis zwischen Klettern und Wandern aufkommen. Zumal Teile des Reitsteigs ja problemlos begehbar sind, wie in alten Zeiten. Man spürt den Status eines SBB als Kletterverein, wohingegen der Wanderer im Elbsandsteingebirge keine Lobby hat. Also ich meine Wanderer im Sinne von Naturfreund, der zwischen Tourist und Kletterer steht.

Aufgeben – oder gibt es noch einen anderen Weg?

Thorwalder-Wände-Gratweg

Abschnittsweise sind die Wege leider nicht mehr begehbar und die Gefahr umstürzender Bäume ist jederzeit akut. Eine Stilllegung des gesamten Thorwald-Gebietes über einen längeren Zeitraum droht. Und doch gibt es einen Weg. Der wird wahrscheinlich dank dieser Unwegsamkeiten eine Renaissance erleben: Der alte legendäre Gratweg über die Thorwalder Wände. Da oben wächst ein natürlicher Mischwald u.a. aus Kiefern und Birken. Dieser Weg ist bereits seit Jahrzehnten gesperrt. Und dennoch ist er begehbar. Wie kann das eigentlich sein? Weil tausende Leute ein willkürliches Verbot ignorieren und nach gesundem Menschenverstand ihren Weg gehen.

2 Kommentare

  1. Was macht die NPV eigentlich, wenn wir 2021 einen trockenen Sommer bekommen und das viele tote Holz brennen sollte.

    Sagt man dann auch das gehört zum Waldumbau?

    • Hallo Achim,
      das wird ein Thema sein.. 2020 hatte man schon großes Glück, dass kein ernsthaftes Feuer ausgebrochen ist. Das Freischneiden von Feuerwehrzufahrten und Rettungswegen wird prioritär behandelt und zeitnah erfolgen, hieß es von Seiten der Nationalparkverwaltung. Das ist gesetzlich vorgeschrieben und wichtiger, als die Erhaltung des Wanderwegenetzes. Lt. deren website geht es damit schon im Dezember am E-Flügel im Zschand los.

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