Unpassierbare Wege [Update 27.02.]

Die Nationalparkverwaltung hat seit einigen Tagen auf Ihrer Website eine Liste an markierten Wanderwegen als „vorübergehend unpassierbar“ deklariert.

Alter Zettel

Darin enthalten sind nun auch die im Herbst als „gesperrt“ geführten Wege Brückengrund und Stimmersdorfer Weg. Die Sperrung dieser Wege erfolgte damals nur halbherzig, und war zeitweise im Gelände nicht erkennbar. Ebenfalls enthalten sind die bereits seit langen gesperrten Wege Reitsteig und Königsweg. Die NPV wählt jetzt bewusst einen neuen Kommunikationsweg. Den einer Empfehlung, anstatt eines Verbots. Das finde ich ausgesprochen positiv. Ändert am Zustand der Wege natürlich erstmal nichts. Aber nur, weil beispielsweise auf einem 200 m langen Teilabschnitt schweres durchkommen ist, muss man nicht 2 Kilometer Wanderweg als gesperrt führen und damit Zuwiderhandlung unter Strafe stellen. Zumal an diesen markierten Wanderwegen ja auch noch zahlreiche unmarkierte Wege oder Kletterzugänge abgehen. Das ist ein Fingerzeig, wie man in Zukunft mit den verhauenen Wegen umgeht. Denn es wird nicht bei 25 Kilometer unpassierbaren markierten Wegen bleiben…

Lebensgefahr? JA!

Bäume quer

Ich war Samstag im Hinterhermsdorfer Gebiet unterwegs und habe mir die Wege im Bereich Brüdersteine angesehen. Im Vergleich zu November 2020 hat sich schon einiges geändert. Es liegen in unregelmäßigen Abständen Bäume quer. Noch ist zwar ein Durchkommen, aber es wird sich zweifelsfrei binnen Monaten drastisch verschlechtern. Die Gefahr ist in dem Bereich akut, der gesamte Fichtenwald ist am Zusammenbrechen. Entsprechend kann die Lindigtstraße selbstverständlich nicht mehr als Radweg genutzt werden. Bei den Brüdersteinen habe ich es auch einmal krachen gehört. Da ist gegenüber eine Fichte am Hang umgefallen. Ich kann nur einen Tipp geben: Wer in dieser Ecke noch irgendetwas aus Axel Mothes Büchern oder generell zu erkunden hat, der sollte es schnell tun. Schon bald wird man keinen vernünftigen Zugang mehr in diese entlegenen Ecken haben. Das ganze Ausmaß wird gerade von den Aussichtspunkten Lindigtblick und Brüdersteine sichtbar. Da ist die Klappsäge im Rucksack nur Deko. Jedenfalls sollte man sich schon im klaren sein, dass jederzeit links oder rechts des Weges eine Fichte unkontrolliert zusammensacken kann. Aber als Radfahrer kann man in Dresdner Stadtverkehr genausogut übern Haufen gefahren werden. Das ganze Leben ist ein einziges Risiko.. Es werden sicher mehr Unfälle passieren, weil Wanderer über Bäume stürzen als andersherum. In Hinterhermsdorf sollte das nicht zeitnah passieren, denn Rettungskräfte kommen nach derzeitigen Stand nicht mehr richtig heran, wenn selbst der Hauptweg namens Lindigtstraße aufgegeben wird. Das wird im handumdrehen unzugängliche Wildnis, gratuliere.

Neue Schilder

Der Leiter der NPV hat während seiner Präsentation am Montag beim digitalen Tourismus-Stammtisch die neuen Schilder vorgestellt. Auch die seit langen gesperrten Wege Reitsteig und Königsweg werden umgewidmet und mit neuen Schildern versehen. Die Aufschrift lautet 3-sprachig (D/EN/CZ):

„Achtung konkrete Lebensgefahr“
Im gesamten Nationalparkgebiet bestehen in besonderem Maße Gefährdungen durch abgestorbene Bäume und zusammenbrechendes Totholz. Dieser Waldweg ist gegenwärtig unpassierbar. Bitte nutzen Sie einen anderen Weg. Das Betreten der Flächen außerhalb der Wege ist nicht erlaubt.“

Die Formulierung „nutzen Sie einen anderen Weg“ ist vielleicht nicht ganz glücklich gewählt, denn im Großen Zschand gibt es an vielen Stellen keinen legalen anderen Weg.

Es gilt weiterhin ein freies Betretungsrecht des Waldes. Schließt auch aber ein, dass jeder Besucher beim Betreten des Waldes für sich selbst verantwortlich ist. Entsprechende Gerichtsurteile der letzten Jahre untermauern das. Und außerdem existiert mit der AG Wege ein Gremium u.a. mit Mitgliedern von Bergsportverbänden und kommunalen Vertretern, welches über jede Sperrung beraten und abstimmen muss, ohne dessen Zustimmung langfristige Wegesperrungen im Nationalpark nicht ausgesprochen werden dürfen. Da der Nationalparkwald aus ca. 50 % Fichten besteht, wird zeitnah ein erheblicher Teil der Wege von querliegenden Fichten betroffen sein. Deshalb ist man in der NPV vorsichtiger geworden mit Sperrungen.

Blacklist „Unpassierbare Wege“

Unpassierbare Wege

Jetzt gibt es also eine Art Blacklist. Diese beinhaltet alle Wanderwege, die man vorübergehend aufgegeben hat. Wo keinerlei Maßnahmen zur Instandhaltung betrieben werden, weil der Einsatz von Forstarbeitern zu gefährlich ist. „Vorübergehend“ wird aber kein Zeitraum von Wochen oder Monaten sein, sondern von Jahren. Es umfasst insgesamt ca. 25 Kilometer markierte Wanderwege im Gebiet Affensteine, Kleiner Zschand, Großer Zschand und Hinterhermsdorf.

Das positive an der Blacklist ist, es gibt noch Wege, die man nicht aufgegeben hat 😉 Beispielsweise wird in Schmilka oben am Lehnsteig noch gesägt. Im Dezember lagen nahe dem Abzweig Reitsteig sehr viele Bäume quer über dem Weg. Jetzt im Januar war der Bereich wieder gut begehbar, obwohl dort rings herum die Bäume kreuz und quer liegen und es nicht weniger gefährlich ist als auf einen der „unpassierbaren“ Wege.

Blacklist – Stand 27.02.2021, mit Anmerkungen von mir

Die sogenannten unpassierbaren Wege sind gegenwärtig teilweise noch gut begehbar, verlaufen aber zu großen Teilen durch zusammenbrechende Fichtewälder. In ein paar Monaten oder spätestens 1 Jahr sind alle genannten Wege tatsächlich Abschnittsweise unbegehbar. Daran besteht aus meiner Sicht kein Zweifel.

Großer Hochhübelweg und Reitsteig (grüner Strich)
Begehung Reitsteig November 2020: Bis zum Thorwalder Turm bin ich mühsam gekommen, dann war beim besten Willen kein Durchkommen mehr, weil auch sehr dicke Fichten am Hang quer lagen.

Hintere Pechschlüchte (grüner und roter Strich)
Gemeinhin als Treppengrund bekannt, im Oktober 2020 war der Weg bereits teilweise völlig unbegehbar, siehe Blogbericht

Stimmersdorfer Weg (roter Strich)
Begehung November 2020: Stellenweise Bäume quer, aber insgesamt noch begehbar, kann mittlerweile anders aussehen

Lindigtgründel
Begehung 20.02.2021: Stellenweise Bäume quer, noch begehbar

Stimmersdorfer Weg/Brückengrund (grüner Strich)
Teilweise begangen im Dezember 2020, ging noch, kann mittlerweile anders aussehen

Lindigtstraße
Stand Dezember 2020: Keine Probleme beim Begehen
20.02.2021: In unregelmäßigen Abständen liegen Bäume quer über den Weg

Passgrund, Brüdersteine, Lindigtblick (grüner Punkt)
Stand Dezember 2020: Keine Probleme beim Begehen
20.02.2021: Am Abzweig oberhalb der Lindigstraße ist es am schlimmsten, da liegen einige Bäume quer, dann geht es wieder, im Bereich Passgrund ebenfalls einige Bäume quer

Richterschlüchte, unterer Teil bis Abzweig zum Goldsteig (grüner Punkt)
Lt. Website Rolf Böhm viel Verbruch

Weberschlüchte (Bergpfad, grünes Dreieck)
Wie Richterschlüchte, viel Verbruch

Dreisteigensteig zwischen Kirnitzsch und Flügel E (grüner Strich)
Begehung November 2020: Im oberen Teil einige Bäume quer und ziemlicher Slalom
Begehung 05.02.2021: Komplett aufgesägt (DANKE!!!)

Raubsteinschlüchte zwischen Zeughausstraße und Abzweig Buchschlüchte (roter Strich)
Zustand ist mir derzeit unbekannt

Königsweg zwischen Fremdenweg und Bloßstock (roter Strich)
Begehung 27.02.2021: Vereinzelt querliegende Bäume, insgesamt noch gut begehbar

Hinterer Heideweg (grüner Strich)
Begehung 27.02.2021: Gut begehbar, nur vereinzelt querliegende Bäume

Andere unpassierbare Wege?

Malerweg zwischen Kleinstein und Arnstein am 2.Januar 2021

Leider kehren sich die Vorteile unserer einzigartigen Felsenlandschaft vorübergehend ins Nachteil um. In ganz Deutschland kämpft man mit den Folgen der Dürre und des massiven Fichtensterbens. Aber in den engen Schlüchten und Tälern, an den steilen Hängen des Elbsandsteingebirges werden Wege durch querliegende Bäume wirklich schnell unbegehbar und der Einsatz von Forsttechnik ist schwierig, teuer und aufwändig. Mangels Personal wird man mit den beräumen der Wege nicht hinterherkommen. Und wenn kein Schild steht, heißt es nicht das keine Bäume querliegen.

Interessanterweise war ich vor wenigen Wochen im Gebiet Arnstein/Kleinstein unterwegs und musste feststellen, dass im Bereich des markierten Wanderweges ebenfalls viele tote Fichten lagen und ein vorankommen sehr schwierig war. Immerhin ist es dort gleichzeitig der Malerweg und Touristen, die nicht ganz so gut zu Fuß sind oder ungern über/unter Bäume klettern wären dort definitiv nicht durchgekommen. Und genau das wird im kommenden Sommer zu gefährlichen Situationen führen. Wir sprechen hier ja nicht um irgendeinen wilden Busch, sondern um einen der meistbesuchtesten Nationalparks Europas!

Irgendwann weiß niemand mehr, wo noch ein durchkommen ist und wo nicht. Tourenplanung wird schwierig. Nicht jeder möchte aus einer Wanderung eine mittelschwere Expedition machen. Zur Aufgabe einer Nationalparkverwaltung gehört es auch umfassend über die Begehbarkeit von Wegen zu informieren. Wenn man schon viele nicht mehr freischneiden darf, dann sollte zumindest das funktionieren.

Fehlende Interaktion mit den Besuchern?

Das Internetangebot „Wegeservice und Wegeinfo“ ist besser als nichts. Aber für solch ein stark frequentiertes Gebiet nicht zufriedenstellend. Aufgrund der großen Dynamik im Borkenkäferwald ist eine gute Aktualität und umfassende Information über Begehbarkeit von Wegen wichtig. Normalerweise beinhaltet das auch Kletterzugänge, denn zur touristischen Nutzung des Nationalparks zählt das Klettern mit hinzu. Mittlerweile sind zahlreiche Klettergipfel kaum noch zu erreichen. Hier müsste von Seiten des Sächsischen Bergsteigerbundes agiert werden. Auf deren Website erhält der Kletterer aber nur wenige aktuelle Informationen. Man kann zwar aktiv eine Meldung machen, wenn bspw. auf der Thorwaldwand das Gipfelbuch voll ist oder ein Bleistift fehlt. Aber das auf dem Weg dahin durch die Pechschlüchte kein vorankommen mehr ist, erfährt wohl erst jeder selbst, wenn er sich auf den Weg macht. Ganz nebenbei werden die Kletterzugangsmarkierungen auch nicht mehr von Mitarbeitern des Nationalparks erneuert, da sich die entsprechenden Personen nicht mehr legal während ihrer Arbeitszeit in diesen Bereich aufhalten dürfen. Das kann ebenfalls zu Irritationen führen, denn nicht alle Kletterer, welche dick bepackt hierher kommen kennen sich aus. Eine sture formale Einteilung in passierbare und unpassierbare Wege ist keine wirkliche Lösung.

Bergpfad Lindengründel verschwindet sang- und klanglos?

Mein Vorschlag an die NPV: Bindet die Leute besser ein, die sich FÜR unser Gebirge engagieren wollen. Gebt den Besuchern eine einfache Anlaufstelle für Informationen. Wie wäre es denn mit einem Meldeformular, wo Schäden an Wegweisern, Wanderwegen oder querliegende Bäume gemeldet werden können? Es laufen bald wieder täglich hunderte Menschen auf den Wegen herum. Eigentlich solltet ihr über Hinweise dankbar sein. Eure Internetseite hat aktuell sehr belehrenden Charakter und bietet wenig Interaktion.

Denn wenn sich daran ab dem Frühjahr nichts bessert, brauch man sich nicht wundern, wenn an anderer Stelle über die Begehbarkeit der Wanderwege informiert wird. Und ein verbotener Gratweg über die Thorwalder Wände aktiv als Alternative zum Reitsteig beworben wird. Weil den Menschen diese Information zusteht und Printmedien oder das Internet nicht vorrangig dazu dienen sollten, Menschen Informationen vorzuenthalten oder einseitig zu vermitteln.

Kurz gesagt: Man ist in der Nationalparkverwaltung mittlerweile sehr aktiv im Verhindern von Informationen geworden, statt im Vermitteln.

Die Nationalparkverwaltung als Beobachter?

Dreisteigensteig aufgesägt

Eines möchte ich an dieser Stelle aber klarstellen, dass wenn ich von „der Nationalparkverwaltung“ schreibe, letztlich die Entscheidungsträger meine. Es steht außer Frage, dass jeden Tag viele Angestellte im Innen- und Außendienst gute Arbeit leisten! Viele Ranger und Forstleute sind mit Herz dabei und ihnen liegt mindestens genauso viel an der Erhaltung des Wanderwegenetzes und der Natur wie uns. In der Sperrung des Großen Zschands waren nur wenige „Führungskräfte“ involviert, der Rest musste es einfach „fressen“.

Was aber nicht sein kann, dass die eigene Forstbehörde oder deren Verantwortlichen derart konzeptlos und ratlos agieren. Da wird Forstarbeitern tatsächlich arbeitsrechtlich verboten ihre Tätigkeit draußen zu verrichten. Leider kein Scherz, sondern bittere Realität. Man stelle sich mal vor, die Feuerwehr, Polizei oder Rettungskräfte dürften ihre Arbeit nicht verrichten aus blanker Vorsicht, es könne ja jemand zu Schaden kommen. Jeder Forstmann ist geschult und die Leute besitzen langjährige Erfahrung im Umgang mit der Beseitigung von Totholz und Bruchholz. Ich bringe sehr ungern diese Zusammenhänge mit den Corona-Beschränkungen, aber der Trend geht ganz offensiv in die Richtung, dass man dem Menschen jegliches Verantwortungsbewusstsein abspricht und immer mehr Regeln aufstellt. Auch im Berufsleben. Ich weiß auch, es ist oftmals gar nicht böse gemeint und man will unter allen Umständen Personenschäden verhindern. Und es gibt viele die sich eifrig Gedanken machen, wie man verhindert das keiner zu Schaden kommt. Aber wenn dann das Resultat so etwas absurdes Realitätsfernes ist, wie die Sperrung der Zeughausstraße und Umleitung über Spitzsteinschlüchte… dann brauch man sich eben nicht über Kritik wundern. Über Corona lasse ich mich hier schon gar nicht mehr aus, wir haben schließlich Religionsfreiheit und das soll jeder selbst praktizieren wie er für richtig hält, solang er andere in Frieden lässt.

PS: Es gab sogar mal eine Zeit, da war Klettern im Elbsandsteingebirge verboten, weil dabei regelmäßig Menschen zu Schaden gekommen sind, die für „bessere“ Zwecke benötigt wurden. Damals hieß es: „Leben und Gesundheit jedes Einzelnen sind gegenwärtig auch für die Allgemeinheit ein zu wertvolles Gut, als daß es ohne Notwendigkeit aufs Spiel gesetzt werden darf.“ Als relativ junger Mensch hatte ich die Hoffnung, diese Zeit hinter uns gelassen zu haben, wo Verbote und Zwänge unseren Alltag regieren. Diese Hoffnung habe ich begraben. Denn nicht nur der Fichtenwald hat sich innerhalb eines sehr kurzen Zeitraums total verändert…

UPDATE 27.02.2021: Begehung Königsweg komplett + hinterer Heideweg, vereinzelt querliegende Bäume aber insgesamt noch begehbar.

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