2000 Höhenmeter in der Sächsischen Schweiz?

Eine Woche, nachdem Sturmtief Ignaz durch den Nationalpark fegte, habe ich die unfeierliche Neueröffnung des Nationalparks genutzt um eine längst zusammengesponnene Idee in die Tat umzusetzen.

2000 Höhenmeter im Elbsandsteingebirge. Ganz normal im Wanderstil mit Rucksackverpflegung. Nicht so wie der ein oder andere medienwirksame Trailrunner, der sich unterwegs von seinen Untertanen das Wasser reichen lässt. Vor 1,5 Jahren hatte ich die 1000 Hm relativ entspannt erreicht und da keimte der Gedanke auf, noch etwas oben drauf zu setzen.

Auf und ab

Zettel

Der größte Anstieg in der Sächsischen Schweiz ist Schmilka/Winterberg mit gut 400 Hm. Man könnte also fünf Mal den Bergsteig hoch und runter laufen… aber es soll ja kein stupides Sporttreiben sein, sondern auch Spaß machen. Im besten Falle soll kein Wegabschnitt zweimal gegangen werden. Das ist eigentlich fast bei jeder Rundwanderung mein Ziel. Im Schmilkaer Kessel und den Affensteinen überwindet man in der Regel keine größeren Höhenunterschiede als 200 Meter. Es wären also 10 Anstiege notwendig. Auf und ab und auf und ab.. in unwegsamen, stolprigen Gelände. Einige Stiegen inklusive. Ein paar Tausend Stufen.

Eigentlich ist man ja froh, wenn man oben ist. Nimmt man mal einen Berg in den Alpen oder anderen Hochgebirge: Da hat man immer den Gipfel im Blick als mögliches Tagesziel. Solange reicht die Motivation. Bei uns ist das etwas schwieriger. Dafür ist das Gelände extrem abwechslungsreich. Ein großer Unsicherheitsfaktor war der Wegezustand. Laut Meldungen der Nationalparkverwaltung und Medienberichten sollen im Nationalpark vergangenen Donnerstag viele Bäume umgestürzt sein. Da ich fast alle möglichen Auf- und Abstiege in meine Route eingeplant hatte, wäre ein Plan B kaum möglich gewesen.

Kurz vor 8 in Schmilka

Kipphorn

Es ist neblig im Elbtal. Nach einer kühlen Nacht liegt der Nebel etwa im Höhenniveau des Liliensteingipfels. Über Smartphone erreicht mich die Nachricht, dass heute der Nationalpark offiziell wieder freigegeben wurde. Der Tag fängt gut an, ich muss kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich bei der Infostelle vorbei latsche. Es geht sofort den stärksten Anstieg des Tages steil bergauf über den Bergsteig zum Großen Winterberg. Der Körper ist noch nicht ganz auf Betriebstemperatur, und nach 200 Hm sitzt das Teufelchen auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr: „Lass es!“ Zwischendurch Nebel. Eigentlich wollte ich die aufgehende Sonne vom Kipphorn aus genießen und kurz Pause machen. Leider lag der AP mitten im Nebel. Der heftige böhmische Wind trieb mich schnell weiter hinauf zum Winterberg. Selbst der Turm lag im Nebel. Also ging es wieder auf der anderen Seite tief hinab durch das Heringsloch. Vorm Abzweig Königsweg nochmal schnell an den Heringstein hinauf (Kletterzugang) und kurz den Blick zum gegenüberliegenden Bärenhorn genießen. Langsam kam die Sonne über den Nebel empor gestiegen.

Kleiner Winterberg – ein Hochgenuss

kleiner Winterberg

Nun durch den Queenengrund hinab, um danach wieder auf den kleinen Winterberg empor zu steigen. Da unten kamen mir dann die ersten Wanderer des Tages entgegen. Der Grund war kaum wiederzuerkennen: Der Harvester hat hier gute Arbeit verrichtet und auf ca. 500 m Länge die toten Fichten abgeholzt. Nun fix die 250 Höhenmeter hinauf zu den Aussichten am kleinen Winterberg. Der herrliche Blick über den kleinen Zschand hinweg entschädigt ungemein – auch wenn der abgestorbene Wald dazwischen mittlerweile trostlos erscheint. Ich versuche mir einfach vorzustellen, dass es in 30 oder 50 Jahren Schöner und Grüner aussieht. Endlich wärmt hier oben das Sonnenlicht.

Die ersten 1000

Weiter geht es nun den Wurzelweg hinab.. um den Lehnsteig gleich wieder empor zu steigen. Die schnellen Wechsel zwischen dem steilen auf und ab gehen schon langsam in die Beine. Oben liegen dann 3-4 Bäume quer auf dem Weg, wobei manche auch schon vor dem Sturm lagen. Es fallen in diesen Bereich immer wieder welche um. Die ersten 1000 Höhenmeter sind schon geschafft und es ist erst kurz nach 11. Bin guter Dinge, dass meine Rechnung aufgeht. Ein kurzes Stückchen Reitsteig und schon geht es wieder rechts abwärts Richtung Frienstein. Abstecher zur Idagrotte und weiter hinab zum Königsweg. Dieser gilt ja bereits seit langem offiziell als „unpassierbar“. Das letzte Mal war ich im März dort. Hier und da muss man durch einen Baum durch – es ging zum Glück. Auch hier ist der große Windwurf von Ignaz ausgeblieben.

Mittagspause

Mein nächster Aufstieg ist die Wolfsstiege, welche Königsweg und obere Affensteinpromenade verbindet. Am Aufstieg liegen leider immer mehr Bäume quer. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dieser Aufstieg unzugänglich wird. Auf der OAP lagen dann ebenso mehrere Bäume im Weg, das kannte ich so nicht. Es hat sich aber schon ein Trampelpfad hangseitig gebildet. Oben am Langen Horn gab es dann die verdiente Mittagspause! War auch notwendig. Mein erster Blick des Tages auf den Höhenmesser ist beruhigend (da ich kein Uhrenträger bin bleibt das Ding im Deckelfach des Rucksacks).

Eine Stiegentour hintendran

Zwillingsstiege

Hoch motiviert für die restlichen gut 800 Hm geb ich mir jetzt ein Auf und Ab in den Affensteinen. Wilde Hölle abwärts: Hier war reger Touristenverkehr, der mich etwas bremste. Aber solche kleinen Zwangspäuschen sind vielleicht ganz gut. Stückchen Untere Affensteinpromenade und wieder hinauf zur Zwillingsstiege. Die tolle Stelle, an der man sich selbst und den Rucksack durch die Spalte schieben muss.. sollten die Leute hinter mir ein kurzes Fluchen vernommen haben.. kein Kommentar 😉 Um noch eine Etage weiter nach oben zu kommen, ging es die Drillingsstiege hinauf. Das ist aber ausdrücklich keine Empfehlung mehr, denn Zugang und Ausstieg sind mittlerweile fast pfadlos. Man kommt gefühlt mitten im Nirgendwo heraus. Nun geht es über einen alten namenslosen Abstieg wieder eine Etage abwärts und die zahme Hölle hinab. Auch da, erstaunlich viel los, obwohl es ein unmarkierter Weg ist.

Langsam komme ich körperlich in den Bereich, wo ich viele kleinere Pausen benötige und keinen Aufstieg in einen Rutsch mache. Die Beine wollen nicht mehr ganz so. Aber das Ziel rückt immer näher. Der weitere Aufstieg führt mich durch das Schwarze Loch steil nach oben Richtung Breite Kluft. Letztere gleich wieder abwärts. Nun einmal den Rauschenstein auf mittlere Etage umrunden. Für die Höhenmeter nicht entscheidend, aber es ist einer meiner Lieblingsfelsen. Ich genieße die Aussicht auf Zirkelstein und Kaiserkrone. Jetzt fehlen nur noch 2 Anstiege…..

Irrgang im Rauschengrund

im Rauschengrund

Durch das Rauschentor wollte ich dann in den Rauschengrund hinabsteigen. Das wurde dann recht wild, denn plötzlich war der Pfad weg. Hätte mich links halten sollen. Hatte ich so nicht mehr im Kopf. Aber ging irgendwie – durch Fichtenjungwuchs. Wobei solche Aktionen vermieden werden sollten. Im Rauschengrund stehen die toten Bäume dicht an dicht. Auffallend, dass bei vielen schon die Rinde komplett ab ist. Man hat das Gefühl, schon beim gegenlehnen würden sie umfallen. Trotzdem haben sie fast alle den Sturm überlebt.

Vorletzter Anstieg nun die Rotkehlchenstiege. Überraschend viel Betrieb hier. 3 junge Leute rückwärts in Zeitlupe mit Sneakers. 2 andere mit bimmelnden Klettersteigset. Zwischendurch andere. Den Grund kannte ich zu diesen Zeitpunkt noch nicht: Heringsgrund/Heilige Stiege lt. Nationalparkverwaltung unpassierbar. Scheinbar nahmen diese Sperrung viele sehr ernst und für ungeübte Touris finde ich die Rotkehlchenstiege downhill nicht ganz ohne.

2007

Carolafelsen

Ich kam nun nicht mehr so schnell voran und der Sonnenuntergang rückte immer näher. Also keine lange Pause und abwärts: durch den wilden Grund die Lorenzlöcher hinab. Das war ein Unsicherheitsfaktor. Er ist teils als Kletterzugang markiert, aber wird eher selten begangen. Glücklicherweise kam ich gut durch. Endlich war das Ziel zum Greifen nah. Nur noch ein letzter Anstieg. Dafür habe ich mir den alten Weg durch den Großen Dom herausgesucht. Mit der Kettenpassage. Man gönnt sich ja sonst nichts. Ich mag diese Stelle selbst überhaupt nicht. Einerseits ist die Kette zu kurz. Zum anderen eine steile, grüne, fast trittlose Platte unter den Füßen. Aber es ging. Über den alten Aufstieg von der Südseite erreichte ich dann nach 9,5 stündiger Wanderung kurz vor Sonnenuntergang den Carolafelsen. Ein Blick auf die Uhr offenbar 1979 Höhenmeter. Der Plan ist aufgegangen. Ich sehe der untergehenden Sonne zu und trinke mein Bierchen.

Bis zur heiligen Stiege geht es nochmal kurz auf und so stehen vor dem endgültigen Abstieg 2007 Höhenmeter zu buche. Der Abstieg durch den Heringsgrund war leider nicht so schön, denn dort hat es tatsächlich einige Bäume quer über den Weg gelegt. Es ist immerhin einer der wichtigsten Wege im Nationalpark. Mir ist schleierhaft, wieso nach einer Woche noch kein Mitarbeiter der NPV im Stande war, den Weg frei zu sägen. Sollen das die Wanderer selbst erledigen? Das ist ein anderes Thema.. meine Freude überwiegt :-))

Abgesehen von dem herrlichen Herbsttag und über ein Dutzend Aussichten ist es ein gutes Gefühl, zu wissen was zu leisten man im Stande ist. Am Ende stehen 25 Kilometer. Nur 1,5 km wurden doppelt absolviert. Maximale Abwechslung gepaart mit möglichst hoher Effektivität.

Jeder Mensch hat andere Ziele. Hohe Berge besteigen. Neue Routen klettern. Und jeder hat ein anderes Leistungsvermögen. Im Alter verschiebt sich das wieder. Oder durch Umstände, die einen jeden Tag ereilen können. Wichtig ist, dass man trotzdem Spaß hat, bei dem was man macht. Auch wenn es eine 2000er Tour in der Felsenheimat ist.

3 Kommentare

  1. Drilling kann ich so bestätigen – war auch vor kurzem dort und musste mich erst mal ordentlich orientieren (sprich, kleinere Fehlgänge gemacht).

    Und herzlichen Glückwunsch zur 2000er Tour! Dafür bin ich wohl inzwischen zu alt …

  2. Wolfgang Hamann

    Herzlichen Glückwunsch ! 🙂

    Das ist ja wie 4000 mal Kniebeugen; nur nicht so langweilig !

  3. Das ist echt eine starke Leistung, meine größte Hochachtung. Kann das nachvollziehen, hab mal vor 30 Jahren in Südtirol 2100 Höhenmeter in 12 Stunden gemacht, von Sulden auf den Ortler 3905 m und zurück. Und im Zittauer Gebirge mal 1200 Höhenmeter in 5 Stunden, dabei aber die einzelnen Berge mit dem Auto angefahren, was hier in der Sächsischen Schweiz kaum geht, deshalb Respekt!

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