Horstschutzgedanken

Horstschutz

Horstschutz

Am 20.05. tritt die Regelung in Kraft, dass Boofen im wiederkehrenden Zeitraum vom jeweils 01.02. bis 15.06. auf Gebiet des Nationalparks Sächsische Schweiz verboten ist. Diese Neuregelung ist Resultat einer Einigung von Naturschutzverbänden, Bergsportverbänden, Umweltministerium und NPV. Zielsetzung ist in erster Linie eine nächtliche Beruhigung des Gebietes, da man stagnierende bzw. rückläufige Bruterfolge bei den 3 einheimischen Großvogelarten Uhu, Schwarzstorch und Wanderfalke verzeichnet. Hierfür wurde die Bergsportkonzeption geändert, welche wiederum im Pflege- und Entwicklungsplan festgeschrieben ist. Spätestens 2025 will man diese Maßnahme auswerten und ggf. langfristige Entscheidungen bezüglich des Boofens treffen.

Fauler Kompromiss?

Ich habe den SBB bzw. deren Vertreter oft gelobt, dass in Zusammenhang mit der Wegeproblematik viel vorangebracht wurde. Es ist bedauernswert, dass sich die beteiligten Akteure beim Thema Boofen vorschnell zu einen Zugeständnis drängen ließen.

Ein fester Zeitraum ist selbstverständlich besser als die diskutierten Onlinetickets, und auch viel einfacher zu verstehen und kommunizieren. Aber das wichtigste fehlt: Eine plausible Begründung. Nur weil 2, 3 Jahre mal schlechtere Bruterfolge als in der Hochzeit vor 10-15  Jahren zu Buche stehen, lässt das wissenschaftlich doch nicht derartige Schlüsse zu?

Blick in die Glaskugel:
Bruterfolge gehen nach oben –>
Regelung wird beibehalten („seht ihr, hat doch was gebracht“)
Negativtrend wird fortgesetzt –>
Maßnahmen müssen verstärkt werden (z.B. Verlängerung der Horstschutzzeit bis 15.07. oder gänzliches Verbot, „wir müssen noch mehr machen“).
Eine Loose-Loose-Situation für uns Besucher ist vorprogrammiert.

Anstatt sich naturschutzfachliche Gutachten externer Dienstleister vorlegen zu lassen bzw. überhaupt irgendwelche fundierten Auswertungen, hat man scheinbar blind Propaganda der NPV bzw. Naturschutzverbänden geglaubt.

https://bergsteigerbund.de/information-der-ag-boofen-zur-geplanten-neuregelung-des-boofens-im-nationalpark-saechsische-schweiz/

„Ausuferndes Boofen“

Auch das „ausufernde Boofen“ als Pauschalrundumschlag gegen alle Nicht-Bergsteiger wurde bisher nicht belegt. Natürlich kann ich Pfingstsonntag Kontrolle machen und die Ergebnisse auf das ganze Jahr hochrechnen. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Ein paar Boofen sind aufgrund ihrer Popularität, Räumlichkeit, leicht zu erreichenden Lage oder fantastischen Aussicht stärker frequentiert als andere. Einfache Hochrechnungen funktionieren da nicht. Die Ranger kontrollieren mit Sicherheit tendenziell stärker die bekannten Hotspots. Auch hier fehlt es an unabhängigen Quellen bzw. Fremdüberwachung. Analog zu den täglichen Besucherzahlen der Wanderer/Kletterer gibt es Tage/Nächte, an denen mehr los ist und an denen weniger los ist.

Taschentuch

Taschentuch

Müll und Fäkalien sind zudem kein spezielles Boofen-Problem, sondern ein generelles an den Hauptwanderwegen in stärker frequentierten Bereichen (Stichwort: „Kackspalte“). Das Netz von öffentlichen Toiletten bzw. Gaststätten zwischen Hinterhermsdorf und Bad Schandau/Schmilka ist nun mal gering mit absteigender Tendenz. Daran werden aber weder die Vogelwelt noch das Gebirge zu Grunde gehen. Gute Öffentlichkeitsarbeit wäre mal ein vernünftiger Ansatz – die Kampagne mit den Taschentüchern („Lasst uns nicht liegen“) war keine schlechte Sache, aber ausbaufähig.

Man soll mich bitte nicht falsch verstehen: Naturschutz hat seine Berechtigung und ich teile die Grundidee des Nationalparks, Flora, Fauna und Landschaftsbild der Sächsischen Schweiz stark vor schädlichen Einflüssen zu schützen. Als ein seit 200 Jahren stark touristisch frequentiertes Gebiet muss immer ein Blick auf das ausgleichende Verhältnis zwischen Naturverträglichkeit und Tourismus geworfen werden.

Nun werden aber in erster Linie Boofer und Wanderer für alle möglichen Probleme verantwortlich gemacht. Herausgelöst aus dem Gesamtbild. Ein paar Gedanken von mir dazu:

– Landschaftsveränderung aufgrund flächigen Waldsterbens wird nicht berücksichtigt

– Dürre historischen Ausmaßes in den letzten Jahren und nachweisliche Klimaveränderung, welche besonders die Mittelgebirge betreffen wird nicht berücksichtigt

– langfristig natürliche Beruhigung der Kernzone aufgrund erheblicher Unzugänglichkeit wird nicht berücksichtigt

– Konkurrenz innerhalb der Vogelarten wird nicht berücksichtigt, Reviergrenzen und maximal verträgliche Anzahl spielt keine Rolle

– Naturraum Elbsandsteingebirge wird nicht als Ganzes betrachtet, zusammen mit dem LSG Sächsische Schweiz, Nationalpark Böhmische Schweiz und Böhmisches Elbtal hätte man weitaus repräsentativere Zahlen. Schilder und Grenzen interessieren die Vögel herzlich wenig.

– Datenquellen werden ausschließlich für eine einseitige Betrachtungsweise genutzt

– weder ein dramatischer Anstieg der Besucherzahlen, noch ein dramatischer Abwärtstrend der Brutpaare ist derzeit nachgewiesen (offiziell abrufbare Zahlen gehen nur bis zum Jahr 2016)

– Horstschutzzonen der 3 „wichtigen“ Vogelarten überlappen sich kaum mit den Boofen

– „Coronajahr“ 2020 wird als Negativbeispiel angeführt, obwohl in der Brutzeit März-Mai nachweislich deutlich weniger Menschen im Elbsandsteingebirge unterwegs waren

– Flora muss separat betrachtet werden und aufgrund stark veränderten Mikroklimas ist ein Aussterben einiger seltenen Pflanzenarten wie Gelbes Veilchen, Sumpfporst oder Krähenbeere kaum zu verhindern

Die Sächsische Schweiz überlastet? – Nichts neues..

Freiübernachtungsstelle

Freiübernachtungsstelle

Seit Jahren klagen NPV und Naturschutzverbände über eine touristische Übernutzung der Sächsischen Schweiz. Auch der Bergsteigerbund schießt immer wieder scharf gegen sogenannte „Abenteuertouristen“. In den 80er Jahren war das Boofen Freiheitsausdruck. Der Zschand war zeitweise sehr voll. Damals waren die ganzen Schlüchte und Überhänge noch gut zu erreichen. Gefeuert wurde fast immer. Und trotzdem ist verhältnismäßig wenig passiert, was Waldbrände angeht. Heute sind weite Teile des Großen Zschands weglose Kernzone. Es ist völlig ausgeschlossen, dass das damalige Level in den nächsten Jahrzehnten je wieder erreicht wird.

Ein Auszug aus einer Parteiinformation an die Bezirksleitung der SED Dresden:

Nach vorliegenden Erkenntnissen haben die touristischen Aufenthalte Jugendlicher/Jungerwachsener im Urlauberzentrum und Landschaftsschutzgebiet Sächsische Schweiz erheblich zugenommen. Es ist feststellbar, daß in den zurückliegenden Jahren, das aus Abenteuerlust geborene Interesse der Jugend an ungezwungenen nicht reglementierten Formen der Erholung in der Natur ständig gestiegen ist. Dafür bildet die Sächsische Schweiz mit ihren natürlichen Bedingungen (Felsen, Höhlen, Waldgebiete, Elbenähe) günstige Möglichkeiten. Besonders beliebt unter der Jugend ist das sogenannte Bofen. Darunter wird „wildes“ übernachten an wettergeschützten natürlich entstandenen Stellen im Felsgebiet der Sächsischen Schweiz verstanden.

[…]

Durch die hohe Frequentierung der Sächsischen Schweiz kommt es zu einer immer stärkeren Belastung der Umwelt insbesondere des Landschaftsschutzgebietes und der Naturschutzgebiete.

Immer häufiger werden Verstöße gegen die Bestimmungen des Landeskulturgesetzes im Landschaftsschutzgebiet und im Territorium der Sächsischen Schweiz bekannt.

[…]

Zur vorbeugenden Verhinderung von weiteren Schäden und Gefährdungen von Ordnung und Sicherheit in der Sächsischen Schweiz, erachte ich es als erforderlich, daß alle zuständigen staatlichen Organe, gesellschaftlichen Organisationen, Einrichtungen und Kräfte […] einheitlich und konsequent gegen Ordnungswidrigkeiten und rowdyhaftes Verhalten durch Bofer vorgehen.

https://www.stasi-unterlagen-archiv.de/informationen-zur-stasi/themen/beitrag/unsere-kleine-freiheit-boofen-in-der-saechsischen-schweiz-und-die-stasi/

Ministerium für Staatssicherheit, 30.09.1985, Parteiinformation an die Bezirksleitung der SED Dresden


Auch nach Gründung des Nationalparks wurde weiter gewettert. Holm Riebe, naturschutzfachlich weithin geschätzter Mitarbeiter der NPV hat 1994 bereits den Untergang prophezeit. Er schrieb:

[…]

So sind zum Beispiel am Pfingstsonntag 1991 in einer Stunde 4000 Menschen auf der Basteibrücke gezählt worden und am selben Tag parkten 1150 Autos im Kirnitzschtal, wobei im Durchgangsverkehr im 7-Sekundentakt die Autos durchs Tal rollten.

[…]

Übergangsformen von Bergsport und Abenteuertourismus im Zusammenhang mit Freiübernachtungen (Boofen) nahmen besonders in den achtziger und neunziger Jahren extreme Formen an. So wurden allein im Nationalpark 1995 über 200 Freiübernachtungsstellen erfasst, in denen insgesamt 1857 Personen (bei 68 % Kontrollintensität) übernachteten! Im Durchschnitt waren das 118 Personen pro Nacht. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich die dringende Notwendigkeit von Lösungen zur Beruhigung des Schutzgebietes ab.

https://www.zobodat.at/pdf/Jb-Verein-Schutz-Bergwelt_61_1996_0077-0094.pdf


16.05.2022

Gebirgsstelze

Gebirgsstelze

Auf meiner Tour im Hinterhermsdorfer Gebiet begegne ich den gesamten Tag lang nur eine handvoll Menschen. Buchenparkhalle-Brüdersteine-Passgrund-Niedere Schleuse-Kirnitzschtal-Hermannseck-Buchenparkhalle.

17.05.2022

Lilienstein

Lilienstein

Nach dem erfreulichen Regenguss entschließe ich mich spontan zum Besuch des Liliensteins kurz vor Sonnenuntergang. Auf dem Plaeteu bin ich völlig allein.

18.05.2022

Backofen

Backofen

Lottersteig-Mägdegrund-Backofen zum Sonnenuntergang: Auch hier bin ich völlig allein.

Klar, meine Beobachtungen waren wochentags in der Nebensaison. Genauso wenig repräsentativ wie ein Pfingstsonntag, an dem es nahezu alle Menschen gleichzeitig nach draußen zieht und jede touristischen Destination gut besucht ist.

3 Kommentare

  1. Danke für Deine Gedanken, die würde ich genau so mittragen. Alarmismus scheint eine deutsche Spezialität zu sein, egal ob Naturschützer oder Gesundheitsminister.

  2. Das ist doch alles eine verlogene Kampagne der Nationalparkverwaltung und ihres „Vogelexperten“ Herr Augst. Die wissen ganz genau, daß andere Ursachen für den Rückgang an Bruterfolgen verantwortlich sind. In der Böhmischen Schweiz z.B. gibt es trotz generellem Boofenverbot seit 5 Jahren einen stetigen Rückgang bei Wanderfalken und Schwarzstörchen (Tabelle: https://www.npcs.cz/prosime-nerusit-hnizdime). Umweltgifte? Der Uhu? Fehlendes Nahrungsangebot? Wanderfalken fressen hauptsächlich andere Vögel, besonders Tauben. In der Hinteren Sächsischen Schweiz sind alle Bäume abgestorben, es gibt kaum noch Vögel, Tauben schon gar nicht. Auch im Rest der Sächsischen Schweiz sieht man nur wenige Tauben. Paradox: Mitten in Decin nisten erfolgreich Wanderfalken, trotz nächtlichem Licht, Lärm, Verkehr und über einem Bahnhof. Aber das Nahrungsangebot ist wahrscheinlich gut vorhanden und es gibt viele Tauben (z.Zt. 3 Wanderfalken-Küken auf einem Schornstein, Livekamera: http://sokoli.jaw.cz/)
    Die NPV stellt sich selbst und ihren Rangern ein Armutszeugnis aus. Wenn nach ihren eigenen Angaben nur 10% aller Boofer Kletterer sind und 90% irgendwelche Boof-Touristen und Radaubrüder aus Hamburg oder anderswo her, wieso werden letztere nicht abkassiert und des Platzes verwiesen? Das würde sich dann in den sozialen Medien rumsprechen, und das Boofen wäre nicht so zum (angeblichen) Problem geworden. Die Ranger sind nicht in der Lage oder geschult, einen echten Kletterer in einer Boofe zu erkennen. Gezielte Fragen nach Kletterrucksäcken, gekletterten Wegen und Gipfeln würde schon viel klären. Wer wirklich Kletterer ist, kann das auch durch spezielle Aussagen beweisen. Und bei einem einheimischen Wanderer/Naturfreund würde man sicherlich ein Auge zudrücken.
    Die NPV sagt auch, nachdem die Vogel-Brut erfolgreich war, dürfen die Vogeleltern und die Jungen nicht gestört werden. Aber Herr Augst darf sich zu den Jungen abseilen und sie beringen, sogar in Begleitung eines Kamerateams, auch wenn die Eltern dabei kreischend ums Nest fliegen, oder die Gefahr besteht, daß sie nicht wiederkommen (Großer Grenzturm/Bielatal; Berg Oybin/Zittauer Gebirge.) Der Nationalpark und dessen Verwaltung ist ein einziger Widerspruch: wirkliche Schädlinge, wie der Borkenkäfer, dürfen großflächig alles zerstören, die kleinen Boofer und Wanderer dagegen sind an allem Schuld und werden bekämpft.

  3. Was bringt es, wenn 4 Tage Ruhe ist und die anderen Tage werden die Vögel, die brüten wollen verscheucht? Gar nichts. Gehts nicht mal ein paar Wochen ohne Boofe in Rücksicht auf die Fauna?

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