4 Stille Gründe

Am Grünbach

Das passable spätherbstliche Wetter zog mich am Sonntag in die Felsenwelt zwischen Rathen und Wehlen. Ausgangspunkt meiner kleinen 10-Kilometer-Runde war Rathewalde. Dort bekommt man auch als Langschläfer noch einen Parkplatz. Bereits nach wenigen Schritten taucht man ab, in die Idylle des Elbsandsteingebirges. Vorbei an geschlossenen Kneipen, historischen Mühlen und an einem Felsgesicht. Da ich mir den Stiegenstau an den Schwedenlöchern erspare, gehts über den gelb markierten Rathewalder Fußweg vorbei am hölzernen Tisch auf direktesten Wege Richtung Fremdenweg.

4 Stille Gründe

Westlich der vielbesuchten Bastei befinden sich die sogenannten „Stillen Gründe“. Früher dienten diese romantischen, mit alten Wegen durchzogenen Hängetäler vorrangig dazu, die Steinbrüche im Elbtal zu erreichen. Hirschgrund und Griesgrund sind durchgängig begehbar. Pferdegrund und Tümpelgrund enden hingegen an der steilen Abbruchkante. Jeder dieser Taleinschnitte hat seinen ganz eigenen Charakter. Und in Zeiten des Nationalparks auch seinen eigenen Wegestatus. Von Bergpfad über Kletterzugang bis hin zu „verbotener Weg“.

Pferdegrund

Stufenreihe und Inschrift 1825

Mein erstes Ziel war der Pferdegrund. Manch einer wird jetzt denken „wie kann der nur“…?!? Spätestens seit dem Waldbrand 2018 ist dieser Grund „berühmt“. Vor 2 Jahren brannte das Riff zwischen Hirsch- und Pferdegrund lichterloh. Zahlreiche verkohlte Kiefern zeugen davon. Mittlerweile ist der Weg selbst bei Google-Maps drin. Also wieso sollte hier künstliche Geheimnistuerei betrieben werden? Der Kletterzugang am Querkopf vom Hirschgrund aus ist sogar so „gut“ markiert, dass sich schon Leute versehentlich in den Pferdegrund verlaufen haben (kein Scherz!). Zwei Stufenreihen und Forstzeichen zeugen von der Existenz alter Steige. Von dem einen Kletterzugang abgesehen ist der Grund lt. Nationalparkverwaltung Kernzone und damit eine Begehung nicht legal – das soll hier nicht verschwiegen werden. Das Tal selbst läuft an der Abbruchkante aus und bietet für den expeditionistisch angehauchten Wanderer noch die ein oder andere Überraschung in Form von Inschriften und Felsüberhängen.

Felsriff zwischen Pferdegrund und Hirschgrund

Hirschgrund

Der wildeste stille Grund ist der Hirschgrund. Markante und frei stehende Felsen erheben sich hier und machen diesen auch für Kletterer attraktiv. Eine Begehung ist durchgängig legal möglich und mit schwarzen Pfeil markiert. Ich habe den Hirschgrund als Aufstieg zum Fremdenweg genutzt. Der gesamte Weg kommt nahezu gänzlich ohne künstliche Einbauten aus. Das macht diesen Aufstieg sehr reizvoll, denn der ursprüngliche Charakter bleibt so erhalten, wie er seit Jahrhunderten von den Menschen genutzt wurde. An manchen Stellen wurden Stufen in den Fels gehauen und das Gestein zur leichteren Begehung abgeschlägelt. Oben angelangt ging es dann wieder ein paar Hundert Meter auf dem Fremdenweg entlang um direkt in den nächsten stillen Grund abzusteigen.

Griesgrund

DER Griesgrundblick

Der Griesgrund ist deutlich grüner und nasser als der Hirschgrund. Dieses Erscheinungsbild macht ihn gerade so interessant. Markiert ist er als Bergpfad – grüner Pfeil auf weißen Hintergrund. Der Blick nach einigen Metern abwärts in die enge Schlucht ist immer wieder etwas Besonderes. Links und rechts grüne Felswände. Naturgenuss. Momente zum Innehalten. Im weiteren Abstieg wird das Tal weiter und es fällt rechterhand die extreme Erosion auf. Der Boden besteht aus sehr feinem Sand und ist sehr anfällig für Trittspuren von Mensch und Tier. Zum Ende des Grundes muss man aufpassen, dass man nicht zu weit absteigt, denn der Bergpfad führt dann erneut rechts hinauf. Durch die ein oder andere kleine Kletterstelle und eine Holzleiter erreicht man letztlich den Tümpelgrund. Der Bergpfadmarkierung folgend würde man diesen lediglich kurz tangieren. Jetzt – da gerade mal kein Schwarzstorch-Horstschutz ist – lohnt eine genauere Erkundung.

Tümpelgrund

Ausgang Otto-Beyer-Schlucht

Von 15.01. bis 15.08. ist die Begehung des Tümpelgrundes wegen des nachweislich hier brütenden gefährdeten Schwarzstorches nicht gestattet. Da wir uns hier in der Kernzone des Nationalparks befinden, ist es ein Glücksfall, dass sich weit hinten ein Kletterziel namens Tümpelgrundwächter befindet. Kletterer werden diesen wohl eher selten aufsuchen, in der Mehrheit kommen hier Wanderer her. Denn folgt man den sanft ansteigenden Grund 400 m aufwärts, steht man plötzlich vor einem engen, finsteren, gründen Felsschlund. Das ist die Otto-Beyer-Schlucht. Benannt nach einem Professor, der sich in der Erforschung der geologischen Verhältnisse im Elbsandsteingebirge verdient gemacht hat.

Wer Angst hat, sich dreckig zu machen, sollte an dieser Stelle wieder umdrehen 😉 Diese schmale finstere Felsspalte war früher mittels Spreizhölzer trockenen Fußes begehbar. Gleich am Einstieg befindet sich ein geologischer Leckerbissen: Ein riesiger Gletschertopf. Das sind Auswaschungen im Felsen, die man in Flüssen findet. Er zeugt an dieser Stelle davon, dass einst gewaltige Wassermassen dieses Sandsteintal herausmodellierten. Weiter vorn lassen Inschriften aus dem 17. und 18. Jahrhundert erkennen, dass hier früher reges Begängnis herrschte. Hat man die Otto-Beyer-Schlucht durchschritten, bieten sich mehrere (verbotene) Möglichkeiten zum Aufstieg an, welche auf alten Karten auch so verzeichnet sind und zweifelsfrei auch noch von Wanderern genutzt werden – der NPV zum Trotz. Ich bin an diesem Tag aber wieder brav zurück zum Bergpfad und habe die luftigen Elbaussichten Richtung Wehlen mitgenommen. Da oben kommt man sich ein wenig wie auf der Steilküste in Rügen vor. Die markanten „weißen Brüche“ leuchten an sonnigen Tagen von weit her. Der Bergpfad läuft dann auf dem Schwarzbergweg aus. Über den steinernen Tisch ging es zurück nach Rathewalde.

Fazit: Vier gute Gründe, einmal das Basteigebiet zu besuchen. So ganz still war es vergangenen Sonntag nicht – fast überall waren Wanderer anzutreffen. Aber es geht zumindest bei weitem nicht so hektisch zu, wie auf der Bastei oder in den Schwedenlöchern. Im Hirschgrund wurde auch rege geklettert. Wer diese vier guten Gründe einmal auf eigene Faust erkunden möchte, sollte sich aber mit einer vernünftigen Karte „bewaffnen“, denn die Markierungen sind nicht immer so eindeutig. Vor allem wenn man von oben einsteigen möchte, landet man schnell im falschen Grund. Ich empfehle die alte Basteikarte von 1924, zu finden hier:

http://www.deutschefotothek.de/documents/obj/70401408

Detailkarten von Sachsen Kartographie oder Rolf Böhm tun es natürlich auch, wobei die alte Karte an Detailgenauigkeit und Wegematrix unübertroffen ist!

Hier noch weitere Fotos von den Stillen Gründen. Viel Spaß beim durchschauen.

Und noch mehr Spaß beim selber erkunden!

ME

 

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